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Die Karpaten

Unberührte Natur und Einsamkeit

"Der eigenartige Eindruck der gewaltigen Wälder der Waldkarpaten in ihrer Natürlichkeit und Ruhe, nur belebt durch das Rauschen der Bergbäche und des Windes und hie und da unterbrochen durch das ferne Krachen eines zu Boden stürzenden alten Urwaldriesen, bleibt unvergesslich. Das ganze Gebiet mit seinen riesigen Ausdehnungen ist unberührt von fremden Einflüssen, also eigentlicher Urwald, in dem der Mensch wohl gelegentlich auf der Jagd durchgeht, auf das Wesen des Waldes bis heute aber keinen Einfluss ausgeübt hat."

Mit diesen Worten beschreibt der Aargauer Forstingenieur Conrad Roth in der schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen die Schönheit unberührter Landschaften, die er im Jahre 1930 auf seinen Wanderungen durch das Borschawatal in den ukrainischen Waldkarpaten erleben durfte.

Auch wenn natürlicherweise die Zeit nicht stehen geblieben ist, meint man sich manchmal noch heute auf einer Wanderung durch die ukrainischen Waldkarpaten in vergangene Welten zurückversetzt.

Man findet hier die Möglichkeit, die letzten Urwälder Europas zu bestaunen, die unter dem Schutz des Karpaten- Biosphärenreservates (Carpathian Biosphere Reserve CBR) stehen, welches im Jahre 1992 in das Unesco Welterbeprojekt "Der Mensch und die Biosphäre" (MAB) aufgenommen wurde und eine Gesamtfläche von 57880 ha besitzt. Wie alle Biosphärenreservate ist auch dieses in verschiedene Zonen eingeteilt. Die vollständig sich selbst überlassene Kernzone umfasst ca. 16505 ha, die sich anschließende Pufferzone ca. 15047 ha und die Zone der anthropogenen Landschaften 18810 ha. Das Biosphärenreservat gliedert sich in fünf Teilareale: die Massive Kusij und Marmarosch, Swydowez und Tschorna Hora mit dem Hoverla (Goverla), der mit 2061 m der höchste Berg der Ukraine ist, sowie das Massiv Mala Uholka - Schirokij Luh mit den größten Buchenurwäldern Europas und bekanntesten Höhlen der ukrainischen Karpaten. Des weiteren enthält das Biosphärenreservat die botanischen Schutzgebiete: Tschorna Hora, Juliwska Hora sowie das Narzissental nahe der Stadt Chust, welches jedes Jahr im Frühling mit seiner beeindruckenden natürlichen Narzissenpopulation aufwartet und mit 170 m ü. NN den tiefsten Punkt des Reservates darstellt.

Besondere Beachtung verdient die vielfältige und artenreiche Tier- und Pflanzenwelt der Karpaten. Hier existieren über 2000 Sporen- und Blütenpflanzenarten sowie 850 Flechtenarten. Die am häufigsten anzutreffenden Baumarten je nach Höhenstufe und Bodenbeschaffenheit sind: Buche, Fichte, Eiche, Erle, Esche, Tanne, Wacholder und Legföhre. Die transkarpatische Fauna zählt 440 Wirbeltierarten, darunter 79 Säugetier-, 280 Vogel-, 53 Fisch-, 17 Amphibien- und 11 Reptilienarten. Unter den Säugern sind besonders Braunbär, Luchs, Wolf und Wildkatze hervorzuheben. Von den 41 ukrainischen Wirbeltierarten auf der europäischen Roten Liste finden wir allein 19 in den Karpaten.

Am 28.06.2007 wurden die ukrainischen Urwälder in die Liste des UNESCO- Welterbe aufgenommen. Laut UNESCO sind sie das größte Vorkommen von unberührten Mischlaubwäldern in Europa, die man als genetisches Reservoir für die Buche und die mit ihr verbundenen Pflanzen- und Tierarten bezeichnen kann. Außerdem kommt die Buche gerade in den Karpaten in verschiedensten geografischen Bedingungen vor. Damit sind die karpatischen Urwälder in ihrer Gänze das erste Naturobjekt in der Ukraine, welches in das UNESCO-Welterbe aufgenommen wurde. (BBCUkrainian.com, 28.06.07)

Neben den diversen Naturschätzen, mit denen die Karpaten aufwarten können, ist es nicht weniger reizvoll einen Blick auf die kulturelle Vielfalt der Region zu werfen. Über die Jahrhunderte haben sich neben den Ukrainern verschiedene ethnische Gruppen in den ukrainischen Karpaten angesiedelt: Ungarn, Russen, Rumänen, Sinti und Roma, Slowaken, Juden und auch Deutsche. Sie alle hinterließen Spuren, die die Region prägten und so reizvoll werden ließen. Besonderen Einfluss haben die Ungarn, die über 1000 Jahre in Transkarpatien regierten, und heute noch einen hohen Bevölkerungsanteil hauptsächlich in der transkarpatischen Tiefebene, dem äußersten Norden Transsylvaniens aufweisen. Sie bildeten früher die Oberschicht und prägten das Bild der Städte dieser Region. Ihr Anteil ist heute mit 12,5 % immer noch beträchtlich. Auch deutsche Siedler haben in den Karpaten ihre Spuren hinterlassen. Damals für die Entwicklung des Salzbergbaus und der Waldwirtschaft hier angesiedelt, zeugen einige ihrer Dörfer heute noch vom entbehrungsreichen Leben der Deutschen.

Die ukrainische Bevölkerung der Karpaten besteht aus mehreren ethnischen Gruppen, die die Jahrhunderte dauernde Fremdherrschaft als unterste Schicht dulden musste. Im äußersten Nordwesten der ukrainischen Karpaten lebt das Volk der Lemken, deren Hauptsiedlungsgebiet in den polnischen und slowakischen Ostkarpaten zu suchen ist. Im zentralen und westlichen Teil finden wir die Boyken und in den Ostkarpaten die Huzulen. Ihre Existenz bestritten sie durch Almwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht, wobei die Huzulen grundsätzlich keinen Ackerbau betrieben. Die Dörfer, in denen sie wohnten, wurden in der klassischen karpatischen Holzarchitektur errichtet, die je nach Ethnie eigene Ausprägungen vorwies. Auch heute noch kann man wunderschöne Holzkirchen in malerischen Dörfern bewundern. Bunt bestickte Kleider und verzierte Schaffellmäntel waren das Markenzeichen der Bergvölker. Den Almauf- und -abtrieb begleitete der schwermütig langgezogene Klang der Trembita, ein huzulisches Blasinstrument (ähnlich dem Alphorn) von bis zu drei Metern Länge, das die Hirten zum Melken und zur Warnung bei aufziehenden Unwettern in die Hütten rief.

Die ethnische Vielfalt Transkarpatiens spiegelt sich überall wahrnehmbar in der Küche der Region wider. Ungarische Speisen wie Bogratsch (würziges Kesselgulasch) und Rakkott Krumpli (pikanter Kartoffelauflauf mit Debrecziner und Eiern), das rumänische Tokan (Maisbrei mit Schafskäse) finden wir hier neben klassisch ukrainischen Gerichten wie Borschtsch, Bliny und dem typisch karpatischen Brinsa, einem Frischkäse aus Schafsmilch, der gesalzen in Holzfässern gelagert wird. Wenn auch nicht jedem bekannt, existiert hier in der transkarpatischen Tiefebene ein traditionell hochklassiges Weinanbaugebiet, das mit schmackhaften Weinen und Weinbränden aufwarten kann.

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