Geschichte der Ukraine. Geschichte der Deutschen
Zarin Katharina der Großen gelang es 1774, dem Osmanischen Reich eine empfindliche Niederlage zuzufügen. Seit dem erstreckte sich Russlands Macht bis zu den Mündungen von Bug, Dnepr und Don am Schwarzen Meer und umfasste nach der offiziellen Annexion 1783 auch die Halbinsel Krim.
Um die so gewonnenen Gebiete, die den offiziellen Namen Noworossia (Neurussland) erhielten, abzusichern und zu erschließen, erteilte Katharina ihrem Vertrauten und Geliebten, Fürst Potjomkin, außerordentliche Vollmachten. Dazu gehörte auch die Ansiedlung von Menschen um die neu erworbenen Landstriche mit treuen und vor allem effektiv arbeitenden Untertanen zu besiedeln. Als dafür besonders prädestiniert galten vor allem deutsche Landwirte und dort speziell diejenigen protestantischen Glaubens.
Schon 1763 hatte die Zarin ein Einwanderungsedikt erlassen, dass neben großzügiger Landzuteilung und staatlichen Starthilfen die lokale Selbstverwaltung der Siedler, Religionsfreiheit und die Befreiung vom Wehrdienst versprach. Dieses Paket wurde zum Auslöser für Tausende deutscher Bauern, die in feudaler Abhängigkeit und auf durch Erbteilung immer kleiner werdenden Parzellen wirtschaften mußten, sich auf den langen Weg ins südliche Moskowiterreich zu machen.
Eine zweite Einwanderungswelle wurde von Zar Alexander I. 1812 nach seinem Sieg über die Osmanen ausgelöst. Rußland zwang im Frieden von Bukarest die Hohe Pforte zu Abtretung Bessarabiens, eines Landstrichs zwischen Dnestr, Pruth und Schwarzem Meer. Die ursprüngliche Bevölkerung, hauptsächlich nomadische Turkvölker, wurde, soweit sie nicht schon mit den Truppen des Sultans geflohen war, auf die Krim umgesiedelt.
Und wieder, wie schon unter Katharina II., gab es einen starken Bedarf an Neusiedlern. Gleichzeitig hatten die Kriege Napoleons in vielen Gebieten Deutschlands zu Not und Hoffnungslosigkeit unter der Landbevölkerung und den städtische Handwerkern geführt. Dazu kamen Zunftzwänge und der religiöse Druck auf protestantische Minderheiten im katholischen Süden.
Das Gros der deutschen Siedler diesmal kam aus Schwaben und Preußen. In Flussschiffen, sogenannten Ulmer Schachteln, fuhren die Süddeutschen die Donau herunter und erreichten in den Jahren 1816/17 das Delta des Flusses am Schwarzen Meer. Den beschwerlicheren Landweg über Warschau nutzen 1814-16 Menschen aus den preußischen Ländern.
Es sind der protestantische Arbeitsethos, der wirtschaftlichen Erfolg als Lohn Gottes für eine fromme Lebensweise ansieht und die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuerungen in Landwirtschaft und Handwerk, die als wertvollstes Kapital der Neusiedler gelten.
Dabei sind die Anfänge im Steppengürtel nicht unbedingt einfach. Der Boden, fruchtbare Schwarzerde, kann reichen Ertrag bringen, muss dazu aber ausreichend bewässert werden. Tiefbrunnen sind zu bohren, das mitgebrachte Vieh durch Kreuzung mit einheimischen Rassen und findige Zuchtwahl den neuen klimatischen Bedingungen anzupassen. Eine Infrastruktur mit Öl- und Getreidemühlen sowie Dachziegelfabriken muss geschaffen werden, die den wirtschaftlichen und Lebensgewohnheiten der Siedler entspricht.
Und nicht immer ist es eine Erfolgsgeschichte. Zugesagte Mittel werden nicht bereitgestellt, Neuankömmlinge sind den harten Anforderungen der ersten Jahre nicht gewachsen und kehren frustriert in die alte Heimat zurück.
Das Gros aber setzt sich durch. Nördlich des Schwarzen Meeres halten so die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts in der Landwirtschaft Einzug. Moderne Methoden des Düngens und der Schädlingsbekämpfung steigern die Hektarerträge. Der Bestand an Pferden und Milchvieh wächst stetig auch durch den Einsatz der Veterinärmedizin. Die ersten dampfgetriebenen Dreschmaschinen erscheinen auf den Feldern. Die Deutschen bauen ein eigenes Schulwesen auf, Waisenhäuser entstehen, Altersheime und Krankenhäuser.
In Odessa hat die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche der Ukraine ihren Hauptsitz. Hier errichtet man die St.-Pauls-Kirche, mit Platz für 1200 Gläubige. Auch das Bild der deutschen Dörfer wird durch repräsentative protestantische Kirchenbauten geprägt.
Mit dem Beginn des 1. Weltkriegs am 28. Juli 1914 endete diese Zeit schlagartig. Ein unaufhaltsamer Niedergang setzte ein. Deutschland und Österreich waren jetzt Kriegsgegner und das Reich Zar Nikolaus II. geriet sehr schnell an allen Fronten in die Defensive. Zarin Alexandra, eigentlich Alix von Hessen-Darmstadt, war, wie auch viele hohe Militärs, deutscher Herkunft. Im Volk witterte man überall Verschwörungen und das Ansehen der deutschen Minderheit sank rapide.
1917 stürzten Revolution und Bürgerkrieg das Land ins Chaos. Oft genug geriet die Bauernschaft zwischen die Fronten der sich erbittert bekämpfenden Roten und Weißen. Beide Seiten praktizierten einen erbarmungslosen Terror mit Massenerschießungen und Zwangsrequisitionen. Die Folge waren ausgedehnte Hungernöte.
Erst die NÖP (Neue Ökonomische Politik) brachte zu Beginn der 20er Jahre eine Periode scheinbarer Entspannung. Lenin erhoffte sich von der teilweisen Wiederzulassung privaten Wirtschaftens die ökonomische Erholung des schwer verwüsteten Landes. Doch als es Stalin zu Ende des Jahrzehnts gelang sich in den innerparteilichen Machtkämpfen gegen seine Widersacher durchzusetzen, war es mit der kurzen Verschnaufpause vorbei. Die brutal durchgesetzte Zwangskollektivierung vernichtete die effektiv arbeitenden Familienbetriebe. Im Zuge der sogenannten Entkulakisierung wurden die erfolgreichsten Bauern ihres gesamten Besitzes beraubt und mit ihren Familien in entlegene, oft lebensfeindliche Gebiete deportiert. Die Folge war der Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung in der gesamten Union und eine nie gekannte Hungerkatastrophe mit Millionen von Toten die besonders die Ukraine betraf.
Der letzte Schlag erfolgte nach Hitlers Überfall im Juni 1941. Was Revolution, Bürgerkrieg, Hunger, Stalins Terror und Kollektivierung an deutscher Bevölkerung übrig gelassen hatte, wurde jetzt nach Kasachstan und in den Altai an der mongolischen Grenze deportiert. Millionen Männer und Frauen kamen zum Arbeitseinsatz in Lager, die sich kaum von denen des Gulag unterschieden.
Der Tod Stalins 1953 bedeutete zwar das allmähliche Abebben der Verfolgungen, aber die vorrevolutionären Zeiten kamen nicht wieder. Es galt sich einzurichten in die bleiernen Jahrzehnte der Stagnation. Wie ein Großteil der Juden verlässt dann seit dem Ende der 80er Jahre und besonders nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch die deutsche Bevölkerung das Land. 1992 waren von ehemals 400 000 Ukrainedeutschen nur noch 40 000 übrig.
Und die Zahl sinkt weiter. Zwar gibt es die Versuche, deutsches Leben in Kultur- und Kirchenvereinen wie „Wiedergeburt“ zu reorganisieren und zu bewahren, existieren noch oder wieder deutsche Gemeinden in Kiew, Odessa, Charkow und auch auf der Krim. Aber die ungewisse Zukunft und die Verlockungen eines sicheren und besseren Lebens führen zum weiteren und stetigen Abfluss der oft gut ausgebildeten und meist jungen Nachkommen der deutschen Siedler in Richtung Westen.




